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Gertrud Largiadèr- Stüdli
Gertrud Stüdli wurde am 14. Oktober 1903 als achtes
und letztes Kind von Bertha Stüdli-
Meier und Johann Ulrich Stüdli auf der Flawiler Egg
geboren.
Ihr Vater, Johann Ulrich Stüdli von Flawil, geboren
am 20. Februar 1863 auf der Egg, war ein unternehmenslustiger
und weitblickender Geschäftsmann. Er war früh
Vollwaise geworden. In jungen Jahren betrieb er eine Stickerei,
und als dieses Geschäft zu wenig abwarf, gründete
er auf der Flawiler Egg eine eigene Sägerei mit Holzhandlung.
Als später die Bodensee-Toggenburg-Bahn gebaut wurde,
war das für ihn die willkommene Gelegenheit, im Weiler
Schachen bei Herisau eine zweite Sägerei mit Geleiseanschluss
zu eröffnen. Er starb im hohen Alter von über
93 Jahren am 20. August 1956 auf der Egg. Gertruds Mutter
war als Bertha Meier am 7. November 1866 in Münchwilen
geboren worden. Sie starb am 19. Oktober 1957 auf der Egg.
Das Paar Stüdli-Meier war am 13. Mai 1890 in der Kirche
von Oberglatt bei Flawil getraut worden, in derselben Kirche,
wo beide 50 Jahre später die goldene Hochzeit feiern
konnten und wo auf dem Friedhof beide und später Gertruds
Gatte und schliesslich auch Gertrud begraben wurden.
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Gertrud Stüdli (unten links)
mit Eltern und Geschwistern, ca. 1905 |
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Im elterlichen Haus verlebte
Gertrud im Kreise ihrer Eltern und ihrer sechs Geschwister
(das siebte, der kleine Mäxli, lebte 1894 nur
sechs Monate lang) eine überaus glückliche
Jugend. Ihre Geschwister waren Werner (1891 –
1919), Klara (1893 – 1973), Max (1895 –
1980), Walter (1896 – 1971), Hans (1897 –
1992) und Willi (1901 – 1989).
Die Primarschule besuchte Gertrud von 1910 bis 1916
im nahe gelegenen Schulhaus. Für alle sechs Klassen
gab es nur einen einzigen Lehrer, so dass die älteren
Schüler die jüngeren unterrichten mussten.
Für die Sekundarschule von 1916 bis 1918 hatte
Gertrud – wie die anderen Eggauer Sekundarschüler
- den stündigen Weg nach Flawil zweimal täglich
zu Fuss zu bewältigen. Einer ihrer Lehrer, Emil
Schläpfer, wurde später als Gatte von Schwester
Klara ihr Schwager; bei ihm lernte sie vortrefflich
Französisch und Italienisch.
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1919/1920 verbrachte Gertrud ein Welschlandjahr an der
Ecole supérieure de Commerce in Neuchâtel,
und nach Abschluss dieser Ausbildung trat sie in das väterliche
Geschäft ein. Am 18. Geburtstag legte sie die Autofahrprüfung
ab, als eine der ersten Frauen im Kt. St. Gallen. Sie arbeitete
im Geschäft bis zur Heirat im Jahr 1929, unterbrochen
von einem Stagiaire-Aufenthalt in England 1925/26 zur Vervollständigung
der englischen Sprachkenntnisse.
Im Jahr 1928 sucht Gertrud Stüdli zu einer Untersuchung
das Spital Flawil auf, wo seit kurzem Dr. Hans Largiadèr
als Chefarzt wirkte. Aus dem medizinischen Fall einer Mandelbehandlung
wurde ein Fall für das ganze Leben. Das Paar verlobte
sich im Februar 1929. Am 27. September des gleichen Jahres
fand die Ziviltrauung statt mit den Trauzeugen Margrit Durrer
(eine Freundin seit Neuchâtel) und Bruder Fritz Largiadèr.
Tags darauf war kirchliche Trauung in Flawil durch Pfarrer
Paul Trüb und anschliessend Hochzeitsfeier in St. Gallen.
Die Hochzeitsreise führte nach Venedig.
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Gertrud Largiadèr- Stüdli
um 1935 |
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Von nunan deckte sich
Gertruds Lebenslauf völlig mit demjenigen ihres
Gatten. Als Gattin und Mutter sorgte sie für
Haus und Hof und trug so dazu bei, dass der im Spital
alleinverantwortliche Chefarzt, der nur von einem
einzigen jungen Assistenten unterstützt wurde,
seine beanspruchende Aufgabe ohne Sorgen wahrnehmen
konnte. Mit ihm nahm sie auch regen Anteil am Dorfleben
und in Dorfvereinen, und sie begleitete ihn an die
chirurgischen Kongresse, wenn nicht gerade ein Kleinkind
ihre Gegenwart nötig hatte. Der Bau eines eigenen
Hauses im Jahr 1937 auf der Meiersegg brachte ihr
noch vermehrte, aber sehr geliebte Arbeit. Mit besonderer
Hingabe pflegte sie den Garten und die Blumen.
Wie damals üblich, wurde nach den ersten Geburten
zur Entlastung der Mutter eine Kinderfrau angestellt,
und bis nach dem Ende des 2. Weltkrieges wohnte ein
Dienstmädchen im Haus, da damals alle Hausarbeit
noch strenge und zeitraubende Handarbeit war. Mit
einigen dieser Gehilfinnen hielt Gertrud ein Leben
lang Kontakt, und auch die Söhne erinnern sich
gerne insbesondere an Lina Eberle, Anna Bleiker und
Frieda Bless. Nach dem Weltkrieg hielt dann die Technik
auch in schweizerischen Haushalten Einzug und machte
die Dienstmädchen überflüssig. |
Ihren Kindern war Gertrud Largiadèr liebe, geliebte
und sorgende Mutter; die Kinder können sich nicht erinnern,
von ihr je ein lautes oder unbeherrschtes Wort gehört
zu haben, und kaum erinnern, dass sie jemals einen vernünftigen
Wunsch abgeschlagen hat. Die Familie und auch die Verwandtschaft
bedeuteten ihr alles, und man konnte ihr keine grössere
Freude machen als mit einem Besuch im gastfreundlichen Haus,
wo sie die Gäste mit ihrer vorzüglichen Küche
verwöhnte.
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die ganze Familie im
Dezember 1956 |
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Die Söhne waren bereits
ausgeflogen für Studium und Beruf, als Hans Largiadèr
aus gesundheitlichen Gründen vom Chefarztposten
zurücktrat und eine Praxis im eigenen Haus eröffnete.
Seine Frau Gertrud war ihm dabei eine tüchtige
und unentbehrliche Hilfe. Sie lernte Röntgenbilder
anzufertigen, spielte die Praxisgehilfin und chauffierte
ihren Mann zu Patienten in der näheren und weiteren
Umgebung von Flawil. So trug sie entscheidend dazu
bei, dass das berufliche Leben ihres Mannes harmonisch
ausklingen konnte.
Eine neue Bereicherung des Lebens brachten ab 1960
die Grosskinder. Mit der Zeit wuchs ihre Zahl auf
zwölf (Adrian, Annina, Anton, Catrina, Hitsch,
Lina, Louise, Markus, Philipp, Thomas, Ursina, Yves).
Der überaus geliebten und verehrten Oma war kein
Aufwand zu gross, um ihre Enkelkinder zu beherbergen
und mit ihnen Ausflüge zu unternehmen –
sie blieb vital und unternehmenslustig.
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In den letzten Jahren seines Lebens, jenseits des 80. Altersjahrs,
machten sich bei Hans Largiadèr zunehmend Altersbeschwerden
bemerkbar, so dass er schliesslich das Haus kaum mehr verlassen
konnte. Für Gertrud war es eine Selbstverständlichkeit,
ihn fast allein - mit wenigen Hilfen –zu pflegen.
Er starb denn auch daheim plötzlich am 22. Februar
1984. Nun war Gertrud auf sich allein gestellt, aber nicht
allein. Die Freude an Kindern und Kindeskindern wog nun
doppelt, und regelmässig traf sie noch Freundinnen
im Dorf. Und immer noch konnte sie auch die Bequemlichkeit
und Freiheit eines eigenen Autos geniessen: erst am 90.
Geburtstag verzichtete sie freiwillig auf den Führerausweis.
Erst nach dem 90. Altersjahr machten sich auch bei ihr
die Jahre stärker bemerkbar. Die letzte grössere
Ausfahrt führte sie, von Sohn Hans chauffiert, im März
1997 an einem strahlend sonnigen Spätwintertag in die
Surselva zur Hochzeit ihres Enkels Thomas. Es war wie früher
– sie harrte aus bis Mitternacht. Später im gleichen
Jahr wurde zu ihrer grossen Freude Norina als erste Urenkelin
geboren; Selina als zweite folgte im nächsten Jahr.
Schliesslich neigte sich auch Getruds Leben seinem Ende
zu. Bis zuletzt konnte sie im eigenen Haus wohnen, vor allem
dank der Fürsorge ihres Sohnes Hans und ihrer Tochter
Mengia.
Getrud Largiadèr verstarb daheim friedlich am 6.
September 2001. Die Grossmünster-Pfarrerin Käthi
La Roche hielt am weltweit denkwürdigen 11. September
2001 in Oberglatt den Abdankungsgottesdienst, in der gleichen
Kirche, in der das Kind Gertrud 98 Jahre zuvor getauft worden
war.
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